CBD: Das weniger bekannte Cannabinoid

Wie wir alle wissen, enthält Cannabis das Cannabinoid THC (Delta 9-Tetrahydrocannabinol); es ist diese psychoaktive Substanz, durch die man high wird, die aber auch erstaunliche Wirkungen hat die man sich in der Medizin therapeutisch zu Nutze macht. Durch intensive Erforschung der Cannabispflanze wird das Wissen über sie stetig erweitert und so sind heute über 100 Cannabinoide bekannt. Von diesen kennt die breite Öffentlichkeit gerade mal eines – das ist schon irgendwie verrückt.

In der gegenwärtigen Situation mit der sich weltweit rasch ausbreitenden Cannabiskultur und bahnbrechenden wissenschaftlichen Forschungsergebnissen erfahren wir, dass es bezüglich der Inhaltsstoffe dieser außergewöhnlichen Pflanze noch sehr viel mehr zu entdecken gibt. Eine der bedeutensten durch die moderne Forschung gemachten Entdeckungen war das Cannabinoid Cannabidiol, abgekürzt CBD.

THC und CBD sind die natürlich weitaus am häufigsten vorkommenden Cannabinoide. Während CBD im Faserhanf den größten Teil ausmacht, ist es im Drogenhanf meist das am zweitstärksten konzentrierte Cannabinoid nach THC. Das besondere am CBD ist seine, im Gegensatz zu THC, fehlende psychoaktive Komponente. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass CBD keine pharmakologischen Wirkungen aufweist. Ganz im Gegenteil: Mittlerweile sind mehr potentiell therapeutische Anwendungsmöglichkeiten Gegenstand der medizinischen Forschung als von bekannten Medikamenten nur denkbar ist. Wenn sich letztendlich nur ein Viertel von dem, was die Wissenschaft über CBD berichtet, in der Praxis der moderne Therapie bewahrheitet, kann dieser medizinische Durchbruch ebenso bedeutende Auswirkungen auf die moderne Naturmedizin haben wie die Entdeckung der Schmerzmittel und Entzündungshemmer.
CBD ist dem THC wie ein Bruder oder eine Schwester, weil sie sich wie alle Geschwister mal harmonisch ergänzen (Entourage Effekt) und ein anderes Mal miteinander streiten und sich blockieren. Im Unterschied zu CBD ist THC eine psychoaktive Verbindung, d.h. es beeinflusst die Hirnfunktionen, indem es auf das zentrale Nervensystem einwirkt, was zu Stimmungsschwankungen, Veränderungen im Verhalten, der Auffassungsgabe und Wahrnehmung führen kann. Das High ist verantwortlich für das Gefühl der Entspannung, die intensiveren sinnlichen Empfindungen und die bekannten Heißhungerattacken. Es kann auch zur medizinischen Behandlung zahlreicher Symptome angewandt werden: bei leichten bis mittleren Schmerzen, Schlafstörungen, Depressionen, Übelkeit und Appetitlosigkeit um nur ein paar zu nennen. Bei manchen Personen könnte THC jedoch Angstzustände oder Paranoia auslösen, oft verbunden mit dem Gefühl, dass sich die Zeit verlangsamt.

CBD gilt als ein nicht-psychoaktives Cannabinoid, das sicher und äußerst nebenwirkungsarm ist. Die medizinischen Anwendungsmöglichkeiten von CBD übertreffen die sämtlicher anderer Cannabinoide, die wir kennen: effektive Vorbeugung oder Behandlung von Entzündungen und Übelkeit, Diabetes, Alkoholismus, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Schizophrenie, rheumatoider Arthritis, Epilepsie, Erkankungen der Herzkranzgefäße – es wirkt antipsychotisch, anxiolytisch, analgetisch, krampflösend, neuroprotektiv und vieles mehr.
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die in präklinischen Studien nachgewiesen Effekte einzelner Cannabinoide.

THC-A THC THC-V CBN CBD-A CBD CBC-A CBC CBG-A CBG
Analgetisch
Schmerzlinderung
THC CBN CBD CBC
Anti-inflammatorisch
Entzündungshemmung
THC-A CBD-A CBD CBC CBG-A CBG
Anorektisch
Zügelt den Appetit
THC-V
Appetitanregend
Regt den Appetit an
THC CBD

Antiemetisch
Reduziert Übelkeit und Erbrechen

CBD
Antikinetisch
Beruhigt den Magen-Darm-Trakt und löst Krämpfe
CBD

Anxiolytisch
Lindert Angstgefühle

CBD
Antipsychotisch
Beruhigend, vermindert das Risiko für Psychosen
CBD
Antiepileptisch
Vermindert das Risiko für Krampfanfälle
THC-A THC-V CBD
Antispasmodisch
Verhindert Muskelkrämpfe
THC CBN CBD
Anti-insomnisch
Hilft bei Schlaflosigkeit und verbessert den Schlaf
CBN CBD
Immunsuppressiv
Schwächt überschießende Immunreaktionen ab
CBD
Antidiabetisch
Senkt den Blutzuckerspiegel
THC-V CBD
Neuroprotektiv
Verhindert neuronale Degeneration
CBD
Antipsoriatisch
Hilfreich in der Behandlung von Psoriasis
CBD
Anti-ischemisch
Reduziert das Risiko für Artherosklerose
CBD
Antibakteriell
Tötet Bakterien oder hemmt deren Wachstum
CBD CBC-A CBC CBG
Antifungal
Hemmt Pilzwachstum
CBC-A CBG
Antiproliferativ
Könnte Krebszellen töten oder am Wachstum hindern
THC-A CBD-A CBD CBC CBG
Anti-osteoporotisch
Stimuliert Knocheproliferation und -mineralisation
THC-V CBD CBC CBG

Während sowohl THC als auch CBD schon für sich genommen viele gesundheitsfördernde Eigenschaften und therapeutische Anwendungsmöglichkeiten besitzen, ist ihre Wirkung „mit vereinter Kraft“ noch beeindruckender. Die beiden Cannabinoide können sich nämlich gegenseitig in ihrer Wirkung beeinflussen. So kann CBD an der Seite der THC-Moleküle einige der Ängste neutralisieren, die THC auslösen kann und CBD trägt zudem mehr als THC zur Linderung verschiedener Arten von Schmerzen bei. CBD scheint auch den psychoaktiven Effekten des THC entgegenzuwirken, indem es das Einsetzen des High-Gefühls verzögert und abschwächt.
In Säugetieren, Vögeln und Fischen finden sich endocannabinoide Verbindungen, die von ihren Körpern selbst produziert werden; sie sind im Grunde genommen körpereigene Cannabinoide. Das bekannteste und best erforschte wird als Anandamid bezeichnet werden. Technisch gesehen ist ein Anandamid (Ananda = Glückseligkeit auf Sanskrit + Amid = chemische Stoffklasse) eine natürlich vorkommende neurotransmittierende Verbindung, die in unseren Körpern zirkuliert. Sowohl THC als auch Anandamid wirkt über Cannabinoid-Rezeptoren, die sich auf Zellen überall in unseren Körpern befinden und ähnliche Effekte auf Schmerz, Appetit und Erinnerungsvermögen haben. Rezeptoren sind dabei nichts anderes als in Zellen eingebettete Türöffnerproteine, die chemische Signale von außerhalb befindlichen Molekülen in die Zelle leiten und den Zellen Arbeitsanweisungen geben – so etwas wie Fluglotsen für unsere Zellen, wobei diese Kommunikation nur stattfindet, wenn ein Molekül oder eine Verbindung an sie andockt.

Ein Molekül, das sich an einen Rezeptor bindet, wird als Ligand bezeichnet. Rezeptoren sind zumeist sehr spezifisch, wenn es darum geht, was sich an sie binden kann, und nur bestimmte Verbindungen docken an die jeweiligen Rezeptortypen an. Sie funktionieren nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip: nur die passenden Schlüssel öffnen die jeweiligen Türen. Wenn die Türen geöffnet ist, dann ist der Weg frei, und im Fall der Rezeptoren handelt es sich um die Einfahrt für ein anweisendes Signal. An einer einzelnen Zelle können sich viele verschiedene Arten von Rezeptoren befinden, die dafür geschaffen sind, mit verschiedenen chemischen Verbindungen zu kommunizieren.
Cannabinoide können nur auf uns einwirken, weil unsere Körper Rezeptoren besitzen, die dafür geschaffen sind, spezifische Cannabinoid-Moleküle zu binden. Menschliche Gehirne weisen in der Tat mehr Cannabinoid-Rezeptoren auf als jegliche andere G-Protein gekoppelten Rezeptoren! An der Art und Weise, wie unsere Körper mit Cannabinoiden interagiert, ist nichts Unnatürliches – und Cannabis erweist sich als eine sehr wirksame Phytotherapie.
Bislang sind im menschlichen Körper nur zwei Cannabinoid-Rezeptoren bekannt, die sich mit THC binden: die CB1-Rezeptoren, die sich vor allem im zentralen Nervensystem finden, sowie die CB2-Rezeptoren, die über den ganzen Körper verteilt sind, hauptsächlich aber im Immunsystem. Neben den Cannabinoiden im Cannabis, den sogenannten Phytocannabinoiden, und denjenigen, die unser Körper auf natürliche Weise produziert, den so genannten Endocannabnioiden, gibt es viele andere Substanzen wie z.B. Echinacea, Safranwurzel, schwarzen Pfeffer oder Kakao die unser internes Endocannabinoid-System beeinflussen können. Diese und einige andere Stoffe binden ebenfalls an Cannabinoid-Rezeptoren.

Wie wirkt CBD?

Über 65 Bindungsstellen für CBD sind bisher in der Literatur beschrieben worden. Für physiologisch erzielbare Konzentrationen dürften jedoch nur etwa ein Dutzend relevant sein (Bih 2015). Interessanterweise bindet CBD in Konzentration, die therapeutisch erzielbar wären, nicht an die klassischen Rezeptoren CB1 und CB2.

An CB1 und CB2 Rezeptoren (Hauptbildungsstellen von THC) wirkt CBD als sogenannter nicht-kompetitiver, negativ-allosterischer Modulator von CB1. Das bedeutet CBD bindet nicht an derselben Bindungsstelle wie THC sondern an einer sogenannten allosterischen Bindungsstelle und behindert somit die Bindung von anderen Substanzen wie eben THC an CB1 (Laprairie et al., 2015).
Andererseits hat CBD einen hemmenden Effekt auf das Enzym FAAH (Fettsäureamid-Hydrolase), dem Enzym, das für den Abbau von Anandamiden verantwortlich ist. Diese unterdrückende Wirkung durch CBD bedeutet, dass mehr Anandamide über längere Zeitabschnitte im System bleiben. Anandamid bevorzugt ebenso wie THC den CB1-Rezeptor, folglich konkurrieren die beiden Moleküle um denselben Rezeptor. So lässt Anandamid weniger Bindungsstellen für THC an diesen Rezeptoren und damit wiederum weniger THC vermittelte Wirkung zu.

Diese beiden Wirkmechanismen erklären das Fehlen psychotroper Effekte von CBD einerseits und andererseits die Reduktion psychotroper Nebenwirkungen von Kombinationen mit THC.
Während CBD nicht gerne an CB1 oder CB2 bindet, wurde nachgewiesen, dass es mit anderen Rezeptoren interagiert und so seine medizinischen Wirkungen entfaltet. CBD interagiert hauptsächlich mit dem G-Protein gekoppelten Rezeptor GPR55, dem Peroxisome Proliferator-Activated Rezeptor gamma (PPARγ) und Ionenkanälen wie Transient Receptor Potential Channels (TRPV1, TRPA1).
Die Familie der 5-HT-Rezeptoren gehört zur Gruppe der Serotonin aktivierten Rezeptoren und spielt beim Menschen unter anderem bei der Entstehung und Verarbeitung von Angstzuständen eine wichtige Rolle. Diese Rezeptoren lösen über chemische Botenstoffe Reaktionen aus, die entweder erregend oder hemmend sind – dies hängt ab vom chemischen Kontext der Bindung. Der 5-HT1A-Serotonin-Rezeptor wird aber auch durch CBD aktiviert und stellt einen möglichen Wirkmechanismus hinter einer anxiolytischen und antidepressiven Wirkungen von CBD dar. Die Serotonin Rezeptoren neben dazu aber auch regulativen Einfluss auf unter anderem Sucht, Appetit, Schlaf, Schmerzwahrnehmung, Übelkeit oder Erbrechen. Dies geschieht, indem er eine hemmende Reaktion aktiviert, welche die Signalübertragung verlangsamt. Andere Drogen wie LSD, psychoaktive Pilze und Halluzinogene aktivieren hingegen andere 5-HT-Rezeptoren, die erregende Reaktionen hervorrufen.

Eine weitere Rezeptor-Gruppe über die CBD seine Wirkungen entfalten kann, stellen die Adenosin-Rezeptoren dar. Sie regulieren die Funktionen von Herzkranzgefäßen, den myokardialen Sauerstoffverbrauch, den koronaren Blutfluss und lösen typische Angstsymptome wie z.B. Muskelspannungen, Stechen in der Brust, Atemnot etc. Diese Rezeptoren sind im Gehirn wichtige Regulatoren für andere Neurotransmitter wie Dopamin und Glutamat. Dopamin ist nicht nur verantwortlich für das Auslösen angenehmer Gefühle, sondern kann auch den Schlaf, die Stimmung, das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit und die willkürliche Bewegung beeinflussen. Andere Drogen wie Kokain und Methamphetamin wirken, indem sie ebenfalls die Effekte von Dopaminrezeptoren verstärken, allerdings in einem weit höheren Maße. Während THC vorübergehend die Dopaminwerte erhöht, trifft dies auf CBD nicht zu; es wurde nur sporadisch vorgefunden bei Versuchen, die an Mäusen und Ratten vorgenommen wurden und wirkte zumeist als Hemmer. Weitere Forschung ist nötig, um herauszufinden, warum das so ist und weshalb es nur nach dem Zufallsprinzip passiert. Vielleicht gibt es einen Zusammenhang mit einem der anderen gut 100 Cannabinoide, über die wir bislang noch zu wenig wissen.

Es ist erwiesen, dass sowohl CBD als auch THC für sich allein genommen gewisse antiproliferativ, krebshemmende Eigenschaften im Tiermodell besitzen und zusammen synergetische Wirkung entfalten. Allerdings wurden bisher noch keine klinischen Studien beim Menschen durchgeführt und so können noch keine Aussagen bezüglich Wirksamkeit und Dosierung oder ähnlichem getroffen werden.
Während verteilt über den gesamten Globus einige Untersuchungen an Universitäten und Forschungskollegs durchgeführt werden, die zusammen genug triftige Hinweise auf eine mögliche heiße Spur in der Beziehung Cannabis/Krebs liefern, fehlen bis jetzt doch die eindeutigen Ergebnisse. Diese mögliche Spur schließt einen weiteren als GPR55 bezeichneten G-Protein gekoppelten Rezeptor ein, der manchmal auch der Waisenrezeptor genannt wird, weil er bislang wissenschaftlich noch nicht einer Rezeptorenfamilie zugeordnet worden ist. Manche Forscher bezeichnen ihn sogar als dritten Cannabinoid-Rezeptor.
GPR55er finden sich hauptsächlich im Gehirn, konzentriert im Zerebellum, aber auch im Dünndarm. Zu seinen Funktionen zählt der regulatorische Einfluss auf Knochenstoffwechsel und Blutdruck. Die verstärkten Signale eines hyperaktiven GPR55-Rezeptors können beispielsweise auf Osteoporose hinweisen. Der Rezeptor aktiviert Osteoklasten, die Knochenzellen, die verantwortlich sind für die Knochenresorption – ein Prozess, bei dem Kalzium im Knochen abgebaut wird, was ihn schwächt. Anderseits soll die Überaktivität dieses Rezeptors das schnelle Wachstum (Proliferation) von Krebszellen fördern. Einige Studien haben gezeigt, dass CBD die von GPR55 ausgehenden Signale blockiert, dadurch sowohl antiproliferative als auch anti-osteoporotische Effekte vermitteln mag.
Eine Behandlung mit Cannabis, THC und/oder CBD stellt zum aktuellen Zeitpunkt allerdings noch keine Alternative zur klassischen Krebstherapie dar, kann aber in vielen Fällen eine sinnvolle Ergänzung sein.

NEBENWIRKUNGEN VON CBD

Bisherigen Studienergebnissen zufolge wird CBD sehr gut vertragen. Nebenwirkungen treten in der Regel nicht auf. Zu diesem Schluss kam auch eine Tagung des National Expert Comitee on Drug Dependence der Weltgesundheitsorganisation WHO im November 2017. Die Experten der WHO sichteten die bisher bekannten Untersuchungen zu CBD. Hierbei kamen sie zu folgenden Schlüssen:

  • CBD ist nicht psychoaktiv.
  • CBD wird von Menschen und Tieren gut vertragen.
  • CBD stellt kein Risiko für die Volksgesundheit dar.
  • CBD provoziert keine psychische oder physische Abhängigkeit.

Da CBD keine psychoaktiven Komponenten besitzt, fällt es nicht unter das Betäubungsmittelgesetz und ist als reines Isolat so in den meisten Ländern legal und frei verkäuflich. Leider kann man sich mit einem Isolat die sich gegenseitig beeinflussenden Effekte von CBD in Kombination mit THC und anderen Cannabinoiden nicht zu Nutze machen, aber selbst für sich allein bietet es mit seinen gesundheitsfördernden Wirkungen ein breites Anwendungsspektrum.
So muss das CBD mühsam durch spezielle Extraktionsverfahren aus der Cannabispflanze isoliert werden um für den Heimanwender legal zugänglich gemacht zu werden. Aber die steigende Nachfrage und das dank intensiver Forschung stetig wachsende Wissen darüber, was Cannabis und die darin enthaltenen Cannabinoide, Terpene und Flavinoide bewirkt, verbreitet sich weiter. Der Wunsch nach und der Bedarf für Cannabis in der Medizin wachsen gewaltig – eine Aufklärung der Bevölkerung um das zu unrecht negative Stigma von Cannabis abzulegen und der erleichterte Zugang für Patienten, die von Cannabis und sienen Derivaten profitieren würden, sollte das Ziel sein.