Ein kurzer Ausflug in die Geschichte von Cannabis

Einst benutzt als Quelle qualitativer Rohmaterialien und potenter Arznei, ist Cannabis heute noch immer gebrandmarkt als gefährliche und illegale Droge. Schauen wir uns die Geschichte dieser berühmten Pflanze an.

Während sich um Cannabis zahlreiche Mythen und Legenden ranken und es einen besonderen Platz als multidimensionale Pflanze mit breitem Wirkspektrum einnimmt, so ist Cannabis eigentlich ein einfaches und weit verbreitetes, anpassungsfähiges, sonnenliebendes Unkraut, das in vielen Klimazonen angebaut werden kann. Es wird oft als gefährliche und illegale Substanz mit hohem Missbrauchsrisiko beschrieben. Eine Sichtweise, die das tatsächliche Potential von Cannabis und seinen Auswirkungen im Laufe der Geschichte, auf das menschliche Leben, völlig ausser Acht lässt. Im letzten Jahrzehnt hat sich die Auffassung gegenüber Cannabis langsam verändert und wir sind dabei das negative Stigma mit dem die Pflanze Anfang des 20. Jahrhunderts gebrandmarkt wurde, abzulegen. Nicht zuletzt dank den Forschungsergebnissen einiger wissenschaftlicher Pioniere und der daraus resultierenden medialen Aufmerksamkeit.

Cannabis im Altertum

Cannabis gehört zu einer der ersten Pflanzenarten, die durch den Menschen kultiviert worden sind und dessen zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten schon vor Tausenden von Jahren entdeckt wurden. Das Spektrum als Nutz- und Heilpflanze ist unglaublich – vom Rohbaustoff zum Nahrungsmittel bis hin zu einer Vielzahl therapeutischer Anwendungsgebiete. Unter Berücksichtigung seines enormen Potentials, ist es kein Zufall, dass Cannabis sein Zuhause auf der ganzen Welt gefunden hat, aber es ist sicherlich überraschend, wie er in der letzten Zeit zu einem solchen Ruf gelangte.

Eine der ersten aufgezeichneten Kulturen, die Cannabis kultivierten und verwendeten waren die Chinesen. Bereits im frühen 3. Jahrtausend v. Chr. wurde in China Hanf angebaut und für die Herstellung von Kleidern, Seilen und Papier und – etwa seit 2000 v.Chr. – auch als Heilmittel zur Linderung von Schmerzen und Behandlung von Gicht verwendet. Ausserdem nutzten sie die Samen, um daraus Öl oder Nahrung herzustellen. Über Indien soll die Pflanze in den Mittleren und Nahen Osten gelangt sein und sich schließlich über Europa bis nach Nord- und Südamerika ausgebreitet haben.

Cannabis in der modernen Gesellschaft

In die moderne Medizin fand Cannabis Einzug über den 1839 veröffentlichten Bericht des irischen Arztes William Brooke O’Shaughnessy (1809–1889), der im Rahmen seiner ärztlichen Tätigkeit und als Professor für Chemie an der Universität im indischen Kalkutta eine schmerzstillende, krampflösende und muskelentspannende Wirkung nach Anwendung von Cannabis indica (indischer Hanf) feststellte. Er begann mit kontrollierten Experimenten an Mäusen, Hunden, Kaninchen und Katzen, und als er von seiner Sicherheit überzeugt war, fertigte er Extrakte nach einheimischen Rezepten an und gab sie an einige seiner Patienten weiter. Seine Veröffentlichung von 1839 präsentierte Fallstudien von Patienten, die an Rheumatismus, Cholera und Tetanus litten, sowie eine Studie, die einen Säugling mit Krampfanfällen betraf, der gut auf eine Cannabis-Therapie ansprach und sich angeblich von einem nahen Tod zum „Genuss robuster Gesundheit“ in innerhalb weniger Tage besserte[1].

Er riet anderen Ärzte mit niedrigen Dosen zu beginnen und warnte jedoch vor einer Form des „Deliriums“, das „durch die anhaltende Hanf-Rausch“ verursacht wurde. Er kam zu dem Schluss, dass ihn diese klinischen Studien „zu der Überzeugung geführt haben, dass in Hanf ein anti-konvulsives Mittel von grösstem Wert gewonnen ist“[2]. Auf Basis seiner Beobachtungen und Studien empfahl O’Shaughnessy die Anwendung von Cannabis bei Rheuma, Cholera und Tetanus.[3] Zwischen 1839 und 1900 erschienen mehr als einhundert Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften über die medizinischen Eigenschaften von Cannabinoiden.[4]

Der Gebrauch von Cannabis sowohl als Rauschmittel als auch zu medizinischen Zwecken wurde in den Jahren 1850 bis 1930 in Europa und in Amerika immer häufiger. Tinkturen aus „Marihuana“ oder „Cannabis-Extrakt“ machten zwischen 1850 und 1900 die Hälfte aller verkauften Medikamente aus, mit dem Ruf, eine wirksame Schmerzlinderung zu erreichen, die in dieser Zeit von großen Pharmaunternehmen in den USA und Europa vertrieben wurden.

Wie es zum Verbot von Cannabis kam

In 185 Ländern ist Cannabis verboten. Man könnte meinen, dass gesundheitliche Bedenken dazu geführt hätten. Dem ist aber nicht so. Am Beispiel der USA und Deutschlands lässt sich verfolgen, dass vor allem wirtschaftliche und politische Interessen hinter dem Verbot standen. In den USA waren der Besitz und der Konsum von Cannabis ab 1933 illegal. Dafür setzten sich diverse Industrielle ein, darunter auch Vertreter der Holzindustrie. Sie sahen im Hanfanbau eine gefährliche Konkurrenz für die Holzwirtschaft. Parallel dazu wurde Cannabis zum Symbol der rassistischen Spaltungen der Gesellschaft. Cannabis wurde in Hetzkampagnen als „Teufelszeug» oder «Devil’s lettuce» verschrien, das aus Afroamerikanern und Mexikanern schlechte und gefährliche Menschen mache,

Diese Moralisierung der Cannabis-Debatte finden wir bis heute in den USA. Der von Trump ernannte Justizminister Jeff Sessions ist zum Beispiel der Überzeugung, dass gute Menschen kein Cannabis konsumieren: «Good people don’t smoke marijuana.»

Die Schreibweise „Marihuana“ ist eine Anglizierung von „Marijuana“, eines der obskureren spanischen Slangwörter für die Pflanze. Es wurde absichtlich während des Anti-Cannabis-Kreuzzugs der 1920er und 1930er Jahre populär gemacht und in den Medien von Pressebaron William Randolph Hearst geleitet, um die Verbindung zwischen der Pflanze und den Mexikanern zu festigen. Durch die Stigmatisierung von Marihuana und der mexikanischen Immigranten, die es geraucht hatten, gelang es Hearst, die anti-mexikanische Stimmung während der Weltwirtschaftskrise zu verstärken, als viele Weisse Amerikaner glaubten, sie würden mit hispanischen Migranten um knappe Jobs konkurrieren. Interessanterweise besteht die US-amerikanische Drug Enforcement Agency (DEA) darauf, das archaische „Marihuana“ bis heute in Bezug auf Cannabisprodukte zu verwenden, was möglicherweise ihre anachronistische Haltung in Bezug auf die Substanz widerspiegelt.

AUSZUG

ANSLINGER: DER URFEIND VON CANNABIS

ANGEPASST VON SMOKE SIGNALS: A SOCIAL HISTORY OF MARIJUANA MEDICAL.

RECREATIONAL AND SCIENTIFIC BY MARTIN A. LEE

Am 11. August 1930 wurde Harry Jacob Anslinger Direktor des neu gegründeten Federal Bureau of Narcotics (FBN) in Washington, DC. Er war der Urvater des amerikanischen Drogenkriegs, und sein Einfluss auf die öffentliche Ordnung würde sich noch lange nach seinem Tod 1975 bemerkbar machen.

Anslinger schenkte Cannabis erstmals 1934 grosse Aufmerksamkeit, als das FBN strauchelte. Während der Weltwirtschaftskrise sanken die Steuereinnahmen, das Budget des Büros wurde gekürzt, und Harrys gesamte Abteilung befand sich auf der Abschussliste. Dann sah er das Licht und erkannte, dass Marihuana der perfekte Haken für seinen Hut sein könnte.

Anslinger verstand, dass die Wahrscheinlichkeit eines Verbotsgesetzes zunahm, wenn die fragliche Substanz mit ethnischen Minderheiten in Verbindung gebracht wurde. Er vermeid Hinweise auf die bekannten positiven Effekte von Cannabis und forderte ein Bundesverbot für Marihuana. Nur wenige Amerikaner wussten, dass Marihuana, das Unkraut, das einige Afroamerikaner und Chicanos rauchten, lediglich eine schwächere Version der konzentrierten Cannabismedikamente war, die jeder seit seiner Kindheit eingenommen hatte. Durch die Stigmatisierung von Marihuana und den „Ausländern“, die es rauchten, gelang es Hearst, die anti-mexikanische Stimmung während der Weltwirtschaftskrise zu verstärken, als viele Anglos das Gefühl hatten, sie würden mit braunhäutigen Migranten um knappe Jobs konkurrieren.

Um die öffentliche Unterstützung für seinen Kreuzzug zu erhalten, stellte Anslinger Marihuana als unheimliche Substanz dar, die mexikanische und afroamerikanische Männer nach weissen Frauen lüstern lies. Seine Hetztiraden dienten den weissen Frauen, die erst vor kurzem das Wahlrecht gewonnen hatten, als nicht ganz so subtile Erinnerung, dass sie immer noch starke Männer brauchten, um sie vor den „degenerierten Rassen“ zu schützen. Er hat es nie satt, neue Versionen derselben Moralgeschichte zu erzählen. Der Film Marihuana! (1935) enthielt den reisserische Werbeslogan „Seltsame Orgien! Wilde Partys! Entfesselte Leidenschaften!“ Aber wenn es um lächerliche Anti-Marihuana-Propaganda ging, konnte nichts den „Aufklärfilm“ Tell Your Children (1936) übertreffen, besser bekannt durch seinen späteren Titel Reefer Madness (zu dt. etwa „Kifferwahn“). Der Film erzählt die tragische Geschichte von braven High-School-Schülern, die nach dem Genuss von Cannabis vergewaltigen, unverantwortlich Auto fahren, dem Wahnsinn verfallen und sich umbringen.

In späteren Jahren sollte Reefer Madness ein Humor-Kult-Klassiker unter amerikanischen College-Studenten werden. Ein anschauliches Beispiel für den nationalen Wahnsinn, der den Weg für ein Bundesverbot für Cannabis geebnet hat. Dieser Film verkörperte die Synchronität zwischen Washington, Hollywood und den Mainstream-Medien im Krieg gegen Cannabis.

Mit der Arbeit der Drogenbekämpfungsbehörde Federal Bureau of Narcotics (FBN) unter Leitung von Kommissar Harry J. Anslinger wurde 1937 in den gesamten vereinigten Staaten der Marijuana Tax Act durchgesetzt und kriminalisierte damit jeglichen Besitz und Gebrauch von Cannabis.

1944 erschien in den USA der La-Guardia-Report des La Guardia Committees, einer vom damaligen New Yorker Bürgermeister Fiorello LaGuardia eingesetzten Expertengruppe, die viele dem Cannabiskonsum zugeschriebene negative soziologische, psychologische und medizinische Auswirkungen nicht bestätigt fand.[5] Daraufhin drohte Anslinger, weitere Forschungsarbeiten zu Cannabis hart zu bestrafen.[6]

In Deutschland führte ein drohender Handelsstreit mit Ägypten schlussendlich zum Verbot. Der König von Ägypten machte sich auf der sogenannten Opiumkonferenz 1924 für ein weltweites Verbot von Cannabis stark. Begründet wurde das Verbot mit damals nicht nachweisbarem medizinischem Nutzen bei gleichzeitig bestehenden schweren psychotropen Nebenwirkungen und psychischer Abhängigkeit.[7] Vielmehr um drohenden Importausfällen aus Ägypten entgegenzuwirken, drängten Pharmaunternehmen wie Bayer die deutsche Regierung zum Verbot im Jahre 1929.

Entkriminalisierung und Legalisierung

Weltweit sehen wir einen Trend zur Entkriminalisierung und Legalisierung von Cannabis – dank zunehmender Aufklärungsarbeit. Bereits 1976 entkriminalisierte die Niederlande die Verwendung von Cannabis und 1980 war der Verkauf in den beliebten „Coffee Shops“ erlaubt. Einzelne Bundesstaaten der USA spielen heute eine Vorreiterrolle. Der Erwerb und Konsum von Cannabis ist mittlerweile in acht Bundesstaaten der USA legal. Weitere 32 Bundesstaaten erlauben die medizinische Nutzung von Cannabis und setzen sich für die Entkriminalisierung ein, damit sich Besitzer kleiner Mengen nicht vor Strafe fürchten müssen. Die Bundesstaaten profitieren davon: durch erhebliche Steuereinnahmen, durch eine florierende Cannabis-Branche und durch Entlastung der Strafverfolgungsbehörden.

In den USA zeigt sich, was die Legalisierung für Patienten bedeutet. Sie haben einen erleichterten Zugang zu qualitativ hochwertigen Cannabis-Produkten. Im Bundesstaat Washington kann Cannabis seit 2014 legal gekauft werden. Entsprechend verbreitet ist der Konsum unter Patienten. Rund ein Viertel der dortigen Krebspatienten setzt Cannabis regelmäßig ein. wann kommt es in Deutschland zur Legalisierung? Bei einer Abstimmung im Bundestag könnte dies rasch geschehen. Parteien wie die Grünen, die Linke, die FDP und Teile der SPD wären bereits jetzt für eine Aufhebung des Verbots und eine Regulierung der Abgabe. Die Unionsparteien CDU und CSU und die AFD stellen sich dem entgegen. Mittlerweile fordert auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter ein Ende des Cannabis-Verbots. Für eine Legalisierung sprechen zahlreiche Argumente, wie folgende Tabelle veranschaulicht.

 

Gründe für Legalisierung Mögliche Risiken der Legalisierung
Kontrolle von Preis und Qualität Anstieg der Cannabis Konsumenten (Dieser Befürchtung widersprechen Daten aus den USA und der Niederlande)
Steuereinnahmen für den Staat Verharmlosung der möglichen Gesundheitsgefahren
Förderung von Firmen und Jobs in der Cannabis-Industrie Erschwerter Jugendschutz (Dieses Argument gilt als entkräftet. Eine Regulation der Abgabe an Erwachsene erschwert es Jugendlichen, Cannabis zu erwerben
Entlastung von Polizei und Justiz
Schwächung der organisierten Kriminalität
Ende der Kriminalisierung ansonsten unbescholtener Bürger
Erleichterte Zugang zu medizinischem Cannabis für Patienten
Besserer Jugendschutz durch die regulierte Abgabe

Mit erheblichen Mengen an neuen wissenschaftlichen Forschungen und eindeutigen Beweisen für das medizinische Potential von Cannabis findet es seinen Weg zurück in die Gemeinschaft.

Die moderne Cannabis-Forschung begann mit der Isolierung von Cannabidiol (CBD) 1963 durch Raphael Mechoulam. Ein Jahr darauf folgte auch die Isolierung des psychotropen Hauptwirkstoffes Δ9-THC im Jahr 1964. Ein weiterer Meilenstein in der Cannabis-Forschung war die Entdeckung des Endocannabinoid-Systems mit seinen Rezeptoren und endogenen Liganden ab Ende der 1980er-Jahre, das die Basis für das heutige Verständnis der Wirkungsweise der Cannabinoide bildet. Interessanterweise lies sich das Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste der Vereinigten Staaten am 21. April 1999 das Patent US6630507 B1 „Cannabinoids as antioxidants and neuroprotectants“ als ursprünglich Bevollmächtigter eintragen.[8] Die Regierung die den Zugang zu Cannabis nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch der Forschung so erschwert hat.


[1] O’Shaughnessy WB, On the Preparations of the Indian Hemp, or Gunjah, Med. and Phy. Soc., Bengal, Calcutta, 1839; and Brit. and For. Med. Rev. July, 1840, p. 224.

[2] Ibid

[3] O’Shaughnessy WB (1839) Case of Tetanus, Cured by a Preparation of Hemp (the Cannabis indica.), Transactions of the Medical and Physical Society of Bengal (Memento vom 21. Juli 2011 im Internet Archive) 8, 1838–1840, 462-469.

[4] Lester Grinspoon, Marihuana Reconsidered (Cambridge: Harvard University Press, 1971), 15.

[5] The La Guardia Committee Report: The Marihuana Problem in the City of New York. 1944.

[6] Anslinger HJ, Oursler W: Hemp Around Their Necks.1961.

[7] Pisanti S, Bifulco M. Modern history of medical cannabis: from wide-spread use to prohibitionism and back. In: Trends in Pharmacological Sciences 38 (3). 2017, S. 195–198.

[8] Cannabinoids as antioxidants and neuroprotectants.